Lesebegleiter machen Kindern Mut

© Weinheimer Nachrichten | Weinheim/Bergstrasse | Samstag, 7. November 2026   –  Seite 12

Für Schüler wie Senioren ist die Lesestunde weit mehr als reine Leseförderung – sie ist auch eine Zeit echter Zuneigung, Nähe und Freude. Bild: Philipp Reimer

Von Berk UnmakWeinheim, 06.11.2026

Lesebegleiter machen Kindern Mut

Von Berk Unmak

Weinheim. An einem kleinen Tisch im Foyer der Dietrich-Bonhoeffer-Grundschule in Weinheim sitzt der 82-jährige Werner Schäfer und wartet geduldig. Worauf er wartet? Auf den neunjährigen Yussuf. Kurze dunkelbraune Haare, eine rechteckige Brille – und ein Buch in der Hand. Er setzt sich neben Schäfer. Der Mann mit den weißen Haaren und der ebenfalls rechteckigen Brille muss allerdings weder die Schulbank drücken noch als Vertretung beim Elterngespräch erscheinen. Er ist freiwillig hier. „Ich wollte einfach etwas Sinnvolles tun.“

Schäfer ist einer von zahlreichen Lesebegleitern an Weinheimer Grundschulen. Wie der Name vermuten lässt, begleiten sie Kinder beim Lesen. Was als Förderung für die Schüler und als sinnvolle Aufgabe für Senioren gedacht war, entwickelte sich schnell zu etwas, das weit über Lesenachhilfe hinausgeht. Denn nicht nur die Kinder lernen dabei. Auch die Senioren nehmen etwas aus den Begegnungen mit. Vier Lesebegleiter und vier Schüler berichten von ihren Erfahrungen und davon, was diese gemeinsamen Lesestunden für sie bedeuten.

Wie das Projekt entstand, erklärt Siggi Freund vom Stadtseniorenrat. Der Grundgedanke galt zunächst den Senioren: „Wir wollten ein Angebot für Leute schaffen, die gerade aus dem Berufsleben ausgestiegen sind und nach Abwechslung im Alltag suchen“, sagt sie. Heute profitieren davon Schüler der Dietrich-Bonhoeffer-Grundschule und der Zweiburgenschule ebenso wie die Lesebegleiter selbst.

Wenn aus Geduld Vertrauen wird

Von einem besonderen Moment in seiner Lesestunde berichtet Heiko Klase (85). „Es kamen gleich zwei Kinder ins Lesezimmer. Einer der beiden Jungs sagte mir, dass der andere sowieso nicht spricht und nur er lesen würde.“ Klase ließ sich davon nicht beirren. Statt den schweigsamen Jungen gleich zum Lesen aufzufordern, las er zunächst selbst vor. „Bis zu einer besonders spannenden Stelle. Da habe ich unterbrochen und gefragt, ob er weiterlesen kann“, erzählt der 85-Jährige. Der Schüler tat es. Später habe ihm die Lehrerin berichtet, dass sich der Junge anschließend auch stärker am Unterricht beteiligt habe. „Einem Kind, das so schweigsam war, Mut zu machen, macht den Reiz dieser Arbeit aus.“

Auch an eine andere Begegnung erinnert sich Klase. Einmal habe ihn eine Gruppe von Schülern ins Klassenzimmer gerufen und ihm ein Lied gesungen. „Danach haben sie mir eine Mappe geschenkt, in der viele Dankschreiben waren.“ Das habe ihn sehr gerührt.

Für Werner Schäfer bedeutet die Arbeit mit den Kindern ebenfalls mehr, als nur eigenes Wissen weiterzugeben. „Persönlich lerne ich sehr viel dazu. Gerade wenn die Kinder mich fragen, was manche Begriffe bedeuten, muss ich selbst sicher sein, dass meine Erklärung stimmt“, erzählt der 82-Jährige. Das helfe ihm, mental fit zu bleiben. Besonders schön sei es für ihn, die Entwicklung der Kinder über Jahre zu verfolgen. „Teilweise sind wir von der ersten bis zur vierten Klasse für die Kinder im Einsatz.“ Einmal habe ihm ein Drittklässler aus Dankbarkeit sogar 1,50 Euro geben wollen. „Natürlich habe ich gesagt: ‚Die steckst du bitte schnell wieder ein.‘“ Der Schüler habe ihm erklärt, er wolle ihm auch einmal etwas zurückgeben. Es seien solche kleinen Gesten, die Schäfer motivieren.

Manchmal auch Fußball

Für Christel Reisenbauer (70) stehen vor allem die Fortschritte der Kinder im Mittelpunkt. „Wenn die Kinder am Anfang der ersten Klasse nur einzelne Wörter können, ist es toll zu sehen, wenn sie in der zweiten Klasse schon ganze Sätze lesen können“, sagt sie. Die Arbeit mit den Grundschülern bedeute ihr auch deshalb viel, weil ihre eigenen Enkel weit entfernt wohnen. „Für mich ist es dann ein wenig so, als wären es meine eigenen Enkelkinder“, sagt sie und lächelt.

Andrea Bies (61) schätzt besonders das Vertrauen, das die Schüler mit der Zeit zu den Lesebegleitern entwickeln. „Dies zeigt sich oft daran, dass die Kinder sich öffnen und auch mal etwas aus ihrem privaten Alltag erzählen.“ Einmal habe sie sich mit einem Schüler über Fußball unterhalten. „Dann hat er nach einer Weile zu mir gesagt: ‚Ich glaube, wir sollten mal wieder lesen‘“, erzählt Bies und lacht.

Warum es um mehr als Lesen geht

Für die Schulen ist diese persönliche Beziehung ein wichtiger Teil des Projekts. „Gerade bei uns an der Zweiburgenschule ist die Arbeit der Lesebegleiter mehr als nur eine Hilfe beim Lesen“, erklärt die stellvertretende Schulleiterin Anja Müller. Weil die Zweiburgenschule eine Ganztagsschule ist und die Schüler einen großen Teil des Tages dort verbringen, seien die Stunden mit den Lesebegleitern wichtige „Inseln der Ruhe“ im ansonsten oft lauten Schulalltag.

Hinzu komme die ungeteilte Aufmerksamkeit, die die Kinder in dieser Zeit erhielten. „Die Kinder brauchen diese Zuneigung und fordern sie auch ein.“ Selbst Schüler, die keine Schwierigkeiten beim Lesen hätten, wollten an den Lesestunden teilnehmen. „Auch sie brauchen positive Bestätigung“, sagt Müller. Sebastian Schneid aus dem Schulleitungsteam der Dietrich-Bonhoeffer-Grundschule schätzt ebenfalls die ehrenamtliche Arbeit der Lesebegleiter.

Wie eng die Verbindung zwischen Schule, Kindern und Lesebegleitern werden kann, zeigt Müller an einem Beispiel. „Dr. Hans Jochen Hüchting, der lange Zeit in der Unternehmensführung bei Freudenberg gearbeitet hat, war fast zehn Jahre lang Lesebegleiter an unserer Schule.“ Fast jeden Freitag habe er den Kindern Märchen oder Gedichte vorgelesen und anschließend mit ihnen über die Inhalte gesprochen. „Dr. Hüchting war mehr als ein Lesebegleiter für uns. Er hat stets versucht, mit den ausgewählten Geschichten den Kindern echte Werte zu vermitteln.“ An diesen Freitagen sei die Anwesenheit der Schüler besonders hoch gewesen. An dem Tag, an dem Hüchting starb, habe er vormittags noch einmal in der Schule vorgelesen und sei am Nachmittag verstorben. „Als wir von seinem Tod erfahren haben, war das für die Kinder und Kollegen ein großer Schock.“ Viele Schüler seien gemeinsam mit ihren Eltern zu seiner Trauerfeier gegangen. Für die Kinder sei er Zeit seines Lebens eine verlässliche Bezugsperson gewesen.

„Man fühlt sich einfach frei“

Doch wie erleben die Kinder selbst die Lesestunden? Yussuf Tekin (9) besucht die vierte Klasse der Dietrich-Bonhoeffer-Grundschule und liest seit der ersten Klasse mit den Lesebegleitern. „Oft unterhalten wir uns über die Bücher und auch über Wörter, die ich nicht kenne.“ Das habe ihm geholfen, auch im Alltag mehr zu lesen.

Auch dem Viertklässler Noah Katzmann (11) von der DBS hätten die Lesestunden geholfen. „Ungefähr 15 bis 20 Bücher habe ich schon seit der zweiten Klasse mit den Lesebegleitern gelesen.“ Liya Bulut (7), Zweitklässlerin an der Zweiburgenschule, freut sich ebenfalls über die gemeinsame Zeit: „Ich bin manchmal sogar aufgeregt vor den Lesestunden.“

Für den achtjährigen Kerem Calis von der Zweiburgenschule ist das Lesen mit den Senioren jedoch etwas anderes. Die Lesebegleiter brächten immer wieder Bücher mit, die ihn so sehr interessierten, dass er am liebsten gar nicht mehr aufhören würde zu lesen. „Wenn ich die Lesestunde habe, freue ich mich. Man ist dann wie verwandelt“, sagt Kerem. „Man fühlt sich einfach frei, so als wären alle Sorgen weg.“

Von oben links: Werner Schäfer, Andrea Bies, Siggi Freund (Pressesprecherin des Stadtseniorenrats), Christel Reisenbauer, Andrea Müller (stellvertretende Schulleiterin der Zweiburgen-Grundschule), Heiko Klase und Sebastian Schneid (stellvertretender Schulleiter der DBS-Grundschule) gemeinsam mit den Förderkindern.   Bilder: Philipp Reimer