Los geht die wilde Fahrt – WNOZ

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Die Linie 633 verbindet die Weststadt mit der Kernstadt. bild: Thomas Rittelmann

Nahverkehr: Scharfe Kurven, starkes Abbremsen und schwieriger Einstieg – was Weinheims Bürger beim Busfahren erwartet.

Los geht die wilde Fahrt

Von Berk Unmak

Weinheim. Scharfe Kurven, abruptes Beschleunigen und durchgerüttelte Fahrgäste: Was wie ein Bericht über eine Achterbahnfahrt klingt, beschreibt nach Angaben von Fahrgästen den Alltag in Weinheims Stadtbussen. Vor allem Senioren, Kinder und behinderte Menschen haben damit Probleme. Die Ursachen für den als hektisch empfundenen Fahrstil sind vielfältig. Der Weinheimer Jörg Steinhof, früher Taxifahrer, kennt den Stadtverkehr gut und nutzt selbst täglich den Bus. Er schildert, wo es aus seiner Sicht hakt und wie sich mehr Ruhe in den Fahrbetrieb bringen lässt. Unsere Redaktion ist mit ihm mitgefahren und hat erlebt, wie sich eine Fahrt im Stadtbus anfühlt.

Keine Verbesserung zu spüren

Mitte Februar hat es einen „Runden Tisch“ mit dem Stadtseniorenrat, dem Ersten Bürgermeister Andreas Buske und den Verkehrsbetrieben gegeben. Ziel war es, die Situation im städtischen Busverkehr zu verbessern. Nach Angaben der Beteiligten vereinbarten sie Verbesserungen beim Fahrstil und im Umgang mit Senioren. Im Alltag vieler Fahrgäste ist davon bislang offenbar wenig zu spüren.

Das sagt auch Jörg Steinhof, der fast täglich mit den Linien 633 und 634 unterwegs ist. Der Rentner ist auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen. An der Haltestelle Breslauer Straße hält die Linie 633. Dort steigt Steinhof täglich ein, weil es von seiner Wohnung aus die nächstgelegene Haltestelle ist. Er nutzt einen Rollator. „Der ist weniger zum Gehen, sondern eher zum Sitzen“, sagt der Vielbusfahrer und lacht. Wegen einer Fußwunde braucht er die Gehhilfe. Als der Bus einfährt, schiebt Steinhof den Rollator langsam vor sich her zum Fahrzeug.

Einstieg problematisch

Schon der Einstieg bereitet Probleme. „Die Bordsteine sind an manchen Haltestellen zu niedrig, da können die Fahrer nichts machen“, erklärt der Rentner. Doch auch an Haltestellen mit höherem Bordstein bleibt oft eine Lücke zwischen Bus und Bordsteinkante. Wenige Sekunden nach dem Einstieg schließt sich die Tür des Busses, und die Fahrt beginnt. Zum Hinsetzen bleibt kaum Zeit. „Die Fahrer haben kaum Zeit zu halten, wegen der langen Rundlaufzeiten“, sagt Steinhof. Auf den Linien 633 und 634 blieben so im Schnitt nur wenige Minuten Puffer zwischen den Haltestellen. Während wir uns festhalten, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, erzählt Steinhof weiter: „Wenn dann besonders in der Kernstadt der Bus im Verkehr stecken bleibt, dann müssen die Fahrer versuchen, das woanders wieder reinzuholen.“

In dem Moment versucht eine ältere Frau mit Rollator, an der Haltestelle Eichenweg auszusteigen. Doch hier fehlt es an der bereits erwähnten Bordsteinhöhe. Nur mit Hilfe eines anderen Fahrgastes kann ein Sturz der Frau verhindert werden, die mit ihrem Rollator zwischen Bus und Bordsteinkante hängen bleibt. Die Türen schließen sich wieder, und der Fahrer beschleunigt. Mittlerweile ist er schon drei Minuten verspätet. „Das klingt nicht nach viel, aber wenn man irgendwo einen Anschluss erwischen will, können ein paar Minuten entscheidend sein“, erklärt Steinhof. Eine Frau, die gerade mit Kinderwagen an der Haltestelle Bruchsaler Straße eingestiegen ist, kämpft noch mit dem Gleichgewicht im ständig wankenden Bus. Viele Leute mit vollen Einkaufstüten sind dort eingestiegen und finden kaum Halt. In einer Kurve neigen sich die Fahrgäste zur Seite. Manche stemmen sich gegen eine Haltestange, andere nutzen die Bewegung, um sich mit Schwung auf einen freien Platz zu setzen. Währenddessen ertönt die monotone Haltestellendurchsage: „Nächster Halt: GRN-Krankenhaus.“

Blockierte Straßen

Die Ringlinien 633 und 634 verbinden die Kernstadt mit der Weststadt. Die 633 startet am Hauptbahnhof, fährt hoch zum Schlosspark, kommt an der Rosenbrunnenstraße wieder herunter und bahnt sich dann ihren Weg an der Dietrich-Bonhoeffer-Schule vorbei durch die Weststadt und wieder zurück. Am Hauptbahnhof geht es nach einem kurzen Halt mit der 633 weiter. Das Tempo bleibt rasant. In der Bahnhofstraße, Ecke Schulstraße, überfährt der Bus sogar eine rote Ampel.

Nachdem das Fahrzeug – wieder mit Schwung – auf der Höhe des Kriegerdenkmals in die Ehretstraße abbiegt, passiert genau das, worüber Steinhof sprach – die Straße ist blockiert. Ein Transporter mit blinkendem Warnlicht behindert die Weiterfahrt. Der Busfahrer hupt mehrmals energisch. Doch es dauert eine Weile, bis ein Paketbote zwischen den Häusern auftaucht, ins Lieferfahrzeug steigt und losfährt. „Genau so geraten die Fahrer dann unter Druck“, sagt Steinhof. Nachdem der Bus die Haltestelle Schlosspark passiert hat, lasse sich das allerdings nur verhindern, wenn der Bus eine andere Route fahre. Zum Beispiel, indem der Bus nicht durch die Innenstadt fahre, sondern um sie herum.

Lange Ampelphasen

Doch das sei nicht das einzige Problem, betont der Rentner. „Zwischen der Haltestelle Rosenbrunnenstraße und Multring/DBS ist ein Bahnübergang, an dem die Busse teilweise sehr lange warten müssen“, sagt der Vielbusfahrer. Tatsächlich schaltet die Ampel hier auf Rot, als der Bus den Bahnübergang queren will, auf dem die Straßenbahnlinie 5 fährt. Teilweise könne hier der Bus bis zu fünf Minuten verlieren, laut Steinhof. Das sei meistens dann der Fall, wenn aus beiden Fahrtrichtungen eine Straßenbahn kommt. Für Steinhof ist klar: „Hier hilft nur mehr Pufferzeit für die Rundfahrt.“ Für Fahrgäste gilt bis dahin oftmals: Los geht die wilde Fahrt.

ÖPNV: VRN und Rathaus nehmen Stellung.

Für sicheren Fahrstil sensibilisieren

Weinheim. Für Taktung und Fahrzeiten der Buslinien ist die Verkehrsplanung des Rathauses zuständig, erklärt Sprecher Roland Kern. Dabei spielten Faktoren wie die Topografie der Stadt eine Rolle. „Die Steigungen und Kurven beeinflussen schon das Fahrgefühl“, erklärt Kern. Auch die Nachfrage spiele eine zentrale Rolle: „Die Leute wollen ja auch nicht ewig auf den Bus warten.“

Nach Angaben von Viktoria Sauer vom Amt für Stadtentwicklung gibt die Stadt für den Busverkehr jährlich rund 1,5 Millionen Euro aus – mit leicht steigender Tendenz durch Inflation und höhere Löhne. Für die Weinheimer bedeutet das: Das Angebot im Busverkehr bleibt grundsätzlich unverändert, größere Ausweitungen sind wegen der begrenzten Mittel schwierig. Die Berechnung der Taktung der Buslinien basiere auf planerischen Kriterien wie Fahrgastnachfrage, Erschließungsfunktion und auch der Betriebswirtschaftlichkeit.

Die Linien 633 und 634 fahren im Halbstundentakt und ergänzen sich als gegenläufige Ringlinien, sodass auf gemeinsamen Strecken öfter Busse unterwegs sind, so die Stadt. Grundlegende Änderungen seien kurzfristig kaum möglich, da das Linienkonzept vertraglich für zehn Jahre festgelegt ist – das letzte Konzept sei vor acht Jahren erstellt worden. Eine Änderung ist also frühestens für 2028 vorgesehen.

Quartalskontrollen für Qualität

Der Sprecher des Verkehrsverbunds Rhein-Neckar (VRN), Robert Katzer, kündigt an, dass Busfahrer nochmals für einen sicheren und rücksichtsvollen Fahrstil sensibilisiert werden sollen, insbesondere im Umgang mit Senioren. Zudem überprüfe der VRN etwa „quartalsweise“ durch Qualitätskontrollen die Linienbusse. Fahrgäste könnten Hinweise und Beschwerden mit Angabe der Liniennummer über ein Online-Kontaktformular melden, um den Service zu verbessern. Mit der Neuvergabe des Linienbündels im Dezember 2028 sollen die Fahrpläne grundsätzlich angepasst werden, auch mit Blick auf mehr Tempo-30-Zonen und steigenden Verkehr. beu