ÖPNV: Eine gewöhnliche Fahrt mit den Öffentlichen endet für eine Hemsbacherin mit einer blutigen Wunde im
Krankenhaus.
In Bustür eingeklemmt
Von Sigrid Koch
Hemsbach. Was passiert eigentlich, wenn man nicht rechtzeitig durch die Bustür kommt? Die
Türen werden sich doch nicht einfach schließen, wenn sich jemand gerade dazwischen befindet
… oder doch?
In genau dieser Situation befindet sich Hildegard Kolkwitz vor kurzem. Im Gespräch mit unserer
Redaktion erzählt sie von dem Schock, der ihr heute noch in den Knochen steckt. Dabei hat sich
die Misere bereits am 14. Juni abgespielt. Gegen 9 Uhr will die Hemsbacherin nach dem
Einkaufen mit dem Bus zurückfahren. Knappe zehn Meter bevor sie die Bushaltestelle Görlitzer
Straße in Hemsbach erreicht, fährt der Bus ein – zwei Minuten zu früh. Ansonsten ist zunächst
alles wie gehabt.
Zackiger Fahrstil
Sie winkt und signalisiert dem Busfahrer zu warten, steigt ein, setzt sich – und schon rollt das
Fahrzeug der Linie 632 A los. Der Fahrer fährt zackig. „Er scheint in Eile gewesen zu sein“, so die
Einschätzung der 85-Jährigen. Als es auf die Haltestelle Hemsbach Friedhof zugeht, wartet sie
lieber, bis die Räder stillstehen, um nicht noch zu stürzen. Sie drückt den Halteknopf, die Türen
öffnen sich, sie will raus – doch plötzlich schwingen sie wieder zu. Die Seniorin bleibt samt ihren
Einkaufstüten zwischen den Türflügeln stecken.
Ein heftiger Schmerz zieht durch ihren rechten Unterarm. Panik kriecht in ihr hoch. Denn der Bus
setzt sich unvermittelt wieder in Bewegung. Sie schreit. Der Fahrer reagiert nicht. Die anderen
Fahrgäste schreien. Der Mann horcht auf. Jetzt reagiert er auf die hilflose Situation, in der sich
die 85-Jährige befindet. Er steigt in die Eisen und drückt endlich den Knopf, um die Türen zu
öffnen. Hildegard Kolkwitz entkommt der Falle und steigt aus. Dann schließen sich die Türen
wieder und der Bus düst davon. Kein „Entschuldigung“. Kein „Wie geht es Ihnen?“. Einfach weg.
Dabei war sie offensichtlich verletzt: „Ich habe furchtbar geblutet“, erinnert sich die 85-Jährige.
„Zum Glück bin ich nicht auch noch gestürzt.“ Eine junge Passantin eilt der Verletzten zu Hilfe
und begleitet sie zu ihrer Nachbarin, mit der sie auch sehr gut befreundet ist. „Ich habe mir
sofort Sorgen wegen der Blutverdünner gemacht, die ich nehme“, sagte Kolkwitz. Also darüber,
dass die Wunde nicht mehr aufhört, zu bluten. Doch ihre Nachbarin versorgt und desinfiziert die
Verletzung am Arm, so gut es geht, bevor Tochter Bärbel Gärtner mit ihrer Mutter in die
Weinheimer GRN-Klinik fährt. „Ich war ziemlich durch den Wind, wurde aber bestens versorgt“,
so Kolkwitz.
Laut Arzt handelt es sich bei der Verletzung um eine Hautablederung. „Die Haut ist dabei nicht
komplett abgetrennt, aber man kann sie hochklappen“, berichtet sie. Die Wunde kann allerdings
nicht genäht werden. „Die Stelle am Arm war dafür ungeeignet und die Narbe wäre viel zu groß
geworden“, so die 85-Jährige. Stattdessen wird sie mit einem Klebeverband verarztet.
Mittlerweile trägt sie keinen Verband mehr, sondern lediglich noch ein großes Pflaster. Die
Heilung verläuft nach Plan. „In zwei Wochen sollte es komplett verheilt sein“, schätzt sie.
Keine Anzeige – aber Beschwerde
Eine Anzeige will Kolkwitz nicht erstatten – Beschwerde einreichen aber schon. Ihre Tochter
wendet sich in ihrem Namen an die BRN (Busverkehr Rhein-Neckar GmbH), die zum
Verkehrsverbund Rhein-Neckar (VRN) gehört. In einer E-Mail, die unserer Redaktion vorliegt,
schildert Gärtner den Vorfall und weist auf den Wunsch ihrer Mutter hin, „dass dieser Busfahrer
von seinem Arbeitgeber in die Verantwortung genommen wird“. Gegenüber unserer Redaktion
sagt Kolkwitz: „Ich will kein großes Trara machen und auch der Polizei keine zusätzliche Arbeit
bescheren. Aber wenigstens ein bisschen was.“
VRN zeigt sich distanziert
Der Verkehrsverbund will auf Anfrage nichts von der Beanstandung wissen: „Dem
Verkehrsverbund Rhein-Neckar ist bislang keine entsprechende Beschwerde bekannt“, heißt es in
einer E-Mail. Der VRN zeigt sich dementsprechend distanziert zu dem Vorfall und gibt vielmehr
allgemeine Hilfestellung für Szenarien dieser Art.
Es heißt lediglich, „dass in solchen Fällen das jeweilige Verkehrsunternehmen über mögliche
Konsequenzen entscheidet“. Grundsätzlich solle sich das Fahrpersonal zumindest bei der
geschädigten Person erkundigen, ob sie Hilfe benötigt. „Vertragsrechtlich käme allenfalls eine
Pönale (beispielsweise eine Geldbuße, Anm. d. Red.) in Betracht“, so die allgemeine Einschätzung
des VRN.
„Ich hatte wirklich Glück“, beteuert sie trotz allem. Der Vorfall war zwar ein großer Schock, sie
sitzt aber schon wieder im Sattel: Vor weiteren Fahrten schreckte der Unfall sie nicht ab.
Angst vor den Öffentlichen lässt die taffe Seniorin sich nicht einjagen: „Ich nutze weiterhin Bus
und Bahn!“, versichert die 85-Jährige
Am Ort des Geschehens: Als die 85-jährige Hildegard Kolkwitz an der Haltestelle am Hemsbacher
Friedhof aussteigen will, kommt es zu dem Unfall. Bild: Fritz Kopetzky
